Vor 175 Jahren: Nie wieder Zucker vom Hut schlagen

Stell dir vor, du bist im frühen 19. Jahrhundert zu Besuch und zu einem kleinen Kaffeestündchen eingeladen. Lust auf Tee? Stückchen Zucker dazu? Dann kremple mal die Ärmel hoch: Du bekommst einen Zuckerhammer oder eine Zuckerhacke und stehst vor einem fast felsenharten Zuckerhut, der so hoch ist wie du groß. Darin steckt dein Zuckerstückchen – falls du es herausschlagen kannst.

5c5e1615bb.jpg

Tablett voller verschiedener Zuckerarten.

Zucker aus einem riesigen Kristallzucker-Klumpen schlagen. Klingt hart und ungemütlich? War es auch. Und gar nicht mal so ungefährlich. Dabei war Zucker ein echter Luxus im 19. Jahrhundert und sehr teuer. Wenn man ihn sich leisten konnte, wollte man ihn doch auch genießen! Das dachte sich wahrscheinlich auch eine gewisse Juliane Rad, als sie sich beim mühsamen Zuckerstückchen anfertigen verletzte. Anfang der 1840ern Jahren soll es gewesen sein, dass sie sich deshalb den Zucker in hand-, mund-, und tassengerechten Würfelstückchen herbeisehnte. Da war sie in ihren eigenen vier Wänden gerade an der rechten Adresse: Ihr Mann, Jacob Christoph Rad, leitete eine Zuckerfabrik in Datschitz, das damals zum Kaisertum Österreich gehörte. Nach mehrjährigen Experimenten waren die Zuckerwürfel gefallen: Bis 1843 hatte Rad das passende Verfahren ertüftelt. Er benutzte Schälchen, die unseren heutigen für Eiswürfel ähnlich waren. Mit einer von Dampfmaschinen betriebenen Zuckerpresse wurde der Rohrzucker in die praktische Würfelform gebracht. Am 23. Januar 1843 meldete er seine Erfindung als Patent an und der Zucker konnte in Produktion gehen

Von süßen Formen und Farben

Nicht nur Juliane Rad wird über die neuen Würfelzucker-Stückchen hocherfreut gewesen sein. Endlich war der Zucker leicht zu portionieren, zu transportieren und stapelbar. In moderneren Zeiten kamen zudem z. B. Kaffeehäuser oder  Firmen auf die Idee, die meist paarweise in Papier abgepackten Stückchen mit ihrer Werbung oder schönen Motiven bunt zu bedrucken. Manche Menschen fanden das so hübsch, dass sie begannen, die Zuckerpapiere zu sammeln. Außerdem werden die Stückchen hin und wieder in anderen Formen hergestellt und man kann sie mit Lebensmittelfarbe umfärben. Dann gibt es kleine Zuckerherzchen oder süße Kleeblätter in grün. Undenkbar mit dem vormals riesigen Zucker in Kegelform!

Dem Würfelzucker zum Geburtstag

Im damaligen Wohnort der Rads, Dačice in Tschechien, steht seit 1983 sogar ein Denkmal, das den ersten Würfelzucker darstellt. Da kann man direkt froh sein, dass heute nur noch das Denkmal aus Granit ist und sich kein hauseigener Zuckerberg mehr so anfühlt. Vielleicht zündet am 23. Januar 2018 davor jemand eine Geburtstagskerze zum 175. Jubiläum dieser Erfindung an und freut sich.

In Hessen gibt es übrigens nur noch eine einzige Zuckerfabrik. Sie steht im nordhessischen Wabern. Und weißt du, wie hoch ein Türmchen würde, wenn man 175 Stücke Würfelzucker übereinanderstapelte? Ganze 1,90 m und damit sogar höher als die größeren Zuckerhüte aus alten Zeiten.